Zu unserem Literatursalon am 24. März 2026 lesen wir den Roman von Anna Seghers Transit.
Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Vorladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle hinaufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und Hoffnung.
Auszug aus dem Roman Transit von Anna Seghers
Worum geht es?
Die Schriftstellerin Anna Seghers, als Netty Reilung 1900 in Mainz geboren, lebt seit 1933 mit ihrer Familie im Pariser Exil. Ihr Ehemann, der ungarische KPD-Funktionär und Wirtschaftswissenschaftler László Radványi – ab 1925 nennt er sich Johann-Lorenz Schmidt – leitete bis zu Beginn des 2. Weltkriegs die von ihm mitbegründete Freie Deutsche Hochschule in Paris. Im Januar 1940 in Paris verhaftet, kommt er zuerst ins Internierungslager Le Vernet, dann nach Les Milles. Anna Seghers trifft mit ihren beiden Kindern Ende Dezember 1940 in Marseille ein und beginnt sogleich damit, für ihre Familie die Ausreise aus Frankreich zu organisieren.
In den darauffolgenden Wochen und Monaten, bis zur Abreise am 24. März 1941, nimmt beim Warten und Anstehen vor den Konsulaten eine Buchidee Gestalt an: ein junger Emigrant wird auf der Suche nach einer Frau durch Marseille treiben und Zeuge einer Lebenssituation werden, die zuerst vorläufig und vorübergehend schien, dann aber zum Dauerzustand einer zur Ewigkeit erstarrten Flucht wird.
Während die Kinder in die Schule gehen, setzt sich Anna Seghers in die Bibliothek oder in eines der vielen Cafés am Alten Hafen und schreibt. Wenn ihr die von Todespanik hysterisch aufgeladene Stimmung im Mont Ventoux zuviel wird, wechselt sie in den Brûleur de Loups hinüber, wo statt von Visen von vernünftigen Schiebungen die Rede ist. Dann kommt der Winter, diesmal besonders hart. Es schneit auf der Canebière, zu essen gibt es kaum noch etwas, geheizt wird nirgendwo.
Der Alte Hafen war blau. Sie kennen ja das helle Nachmittagslicht, das kalt in alle Ecken der Welt hineinscheint, und alle Ecken der Welt sind öde. An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, den Brûleur de Loups und jeden denkbaren Ort. Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit.
Auszug aus dem Roman Transit von Anna Seghers
Nach knapp drei Monaten Transit in Marseille kann Anna Seghers mit ihrer Familie Ende März 1941 den Frachtdampfer Capitaine-Paul-Lemerle besteigen, auf dem sich rund 350 Emigranten, davon 50 Klienten des Emergency Rescue Committees unter Leitung von Varian Fry, befinden.
Der Roman „Transit“ erscheint 1944 zuerst in englischer Sprache in den USA, kurz darauf auch in Mexiko auf spanisch. Die erste deutsche Ausgabe kommt 1948 im Curt Weller Verlag in Konstanz, 1951 in Ost-Berlin im Aufbau-Verlag heraus.
Die nächsten zwei Termine des Literatursalons stehen bereits fest:
28. April, 18 Uhr: Irmgard Keun, Kind aller Länder
26. Mai, 18 Uhr: Konrad Merz, Ein Mensch fällt aus Deutschland
Was erwartet Sie 2026 im Literatursalon?
Es soll weiterhin um „Berlin in der Literatur“ und um Belletristik gehen. Nachdem wir uns 2025 im Literatursalon der Literatur im Berlin der Weimarer Republik gewidmet haben, wollen wir uns im neuen Jahr dem zuwenden, was in und über Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde.
Fast alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Bücher wir 2025 gelesen haben, mussten Deutschland nach Hitlers Machtantritt 1933 verlassen. Sie gingen ins Exil.
Die Bücher, die sie im Exil schrieben, sind nicht nur biographisch, sondern vor allem auch literarisch interessant.
Ort: Kieztreff in der Frisierkunst, Wilskistr. 34, Eingang Riemeisterstr., 14169 Berlin (direkt an der U3, Onkel-Toms-Hütte) Zeit: 18:00 – 20:00 Uhr
Die Teilnahme am Literatursalon ist kostenfrei. Um Anmeldung per E-Mail an Sabine Günther wird gebeten >>>